Schiffsferien sind coronakonform, weshalb viele den Schiffsausweis machen und sich ein Boot kaufen. Das führt zu einem Platzproblem.
Autor: Marielle Gygax

Die letzten Motor- und Segelboote werden derzeit aus ihren Winterlagern geholt. Für einmal ist Fredy Faul froh, dass das Wetter noch nicht schön ist, denn das verschafft ihm Zeit. «Es entspannt das Ganze», sagt der Inhaber der Bootswerft Faul in Erlach am Bielersee. Im letzten Jahr, als sich die Corona-Pandemie ausbreitete, war das anders. «Im Frühling kam die Hektik auf», so Faul. Alle wollten aufs Wasser, weil dort die Abstände eingehalten werden können. Damit begann der Run auf Boote.
«Seit Mai 2020 hat sich die Anzahl gemeldeter Verkäufe bei uns auf der Plattform verdoppelt», heisst es beim Online-Bootsmarkt Boot24. In den 20 Jahren, in denen es die Plattform gibt, habe es noch nie eine ähnliche Situation gegeben. «Momentan scheint alles gefragt zu sein, was schwimmt.» Auch Boote, die zuvor jahrelang keinen Käufer gefunden haben, würden plötzlich verkauft. «Dieser Trend hält bis heute», schreibt Boot24. Allerdings sei der Markt langsam leer gekauft: «Gute Angebote sind nicht mehr viele zu finden.»
Wer ein neues Boot bestellen will, muss lange warten. Einerseits weil der Bootsmarkt in diesem Jahr praktisch ausverkauft ist. Andererseits weil es wegen Corona weltweit zu Produktionsengpässen und Lieferverzögerungen gekommen ist. Der Grossteil der Boote in der Schweiz wird aus dem Ausland importiert. Vinzenz Batt, Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Bootsbauer, meint: «Es wird frühestens 2022, je nach Boot sogar 2023, wenn man ein neues kaufen will.»
Weil mehr Boote verkauft wurden, hat sich ein anderes Problem ergeben: Wo soll man hin mit den Booten? «Wir erhalten nun tagtäglich Anrufe mit der Frage: Wo können wir das Schiff hinstellen?», sagt Fredy Faul von der Bootswerft am Bielersee.
Bootsplätze in Häfen oder an Bojen sind seit jeher gefragt. Bereits vor Corona musste man sich teilweise jahrelang auf einer Warteliste gedulden, bis ein Platz frei wurde. «Vielen Leuten war das nicht bewusst. Sie kauften irgendwo ein Schiff. Nach einem Jahr merkt man nun, dass dies überall ein Problem ist», sagt Faul.
Wenn die Bootsplätze nicht limitiert und der Markt nicht leer gekauft wären, würde es noch mehr Boote in der Schweiz geben, ist man in der Branche überzeugt. Ungebremst steigt jedoch die Nachfrage nach einem Bootsführerschein. «So etwas haben wir noch nie erlebt», sagt Marcel Kohler, Abteilungsleiter Schifffahrt des Kantons Bern.
Im Vergleich zu 2019 hat die Nachfrage bereits im letzten Jahr um einen Drittel zugenommen. Zwischen Januar und April 2021 ist die Nachfrage nun bereits anderthalb Mal so gross wie 2019. Mittlerweile sei es fast zu viel: «Alle laufen am Anschlag. Die Fahrlehrer kommen kaum nach mit Ausbilden; es herrscht eine gehetzte Stimmung», so Kohler. Weil seine Experten derzeit mit Theorie- und Praxisprüfungen beschäftigt seien, könnten sie weniger Schiffe prüfen.
Die Situation auf dem Bootsmarkt werde sich aber wieder einpendeln, heisst es unisono. «Realistischerweise muss man sagen, dass es ab 2023/2024 eine Rückkehr zur Normalität geben und wieder viele Boote auf den Occasionsmarkt kommen werden», sagt Vinzenz Batt vom Verein Bootbauer Schweiz. Marcel Kohler vom Berner Schifffahrtsamt ergänzt: «Wenn man wieder ins Ausland in die Ferien kann, ist der Schweizer See bei vielen wieder vergessen.» Der See sei schön, aber halt nicht das Meer.
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Regionaljournal Aargau Solothurn, 25.05.2021, 06:31 Uhr
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