Der Elektro-Van ID.Buzz von VW soll 2022 auf den Markt kommen und spielt mit Designzitaten, die an den VW-Bulli T1 (rechts im Hintergrund) erinnern. So soll das E-Mobil einen Emotionalitätskick erhalten.
Fließende Formen, kaum Kanten, möglichst windschlüpfig: Hersteller überbieten sich derzeit darin, Elektroautos mit hoher Reichweite zu bauen. VW brachte den ID.3 mit einem Cw-Wert von 0,27 auf den Markt. Dieser Wert bezeichnet den Luftwiderstand. Zuletzt setzte Mercedes mit der Luxuslimousine EQS die Bestmarke von 0,20.
Diese Optimierung von Aerodynamik und damit Reichweite hat aber einen ungünstigen Nebeneffekt: Die Autos sehen aus wie mit Schmirgelpapier geglättet. Markante Linien gibt es kaum. Wo der Fahrtwind geschmeidig entlangzischt, bleibt auch kein Auge hängen. Und damit verschwindet zunehmend eine wichtige emotionale Komponente.
E-Emotionen: Stromer im Retrodesign
Den Herstellern ist dieses Manko bewusst, und einige reagieren – indem sie ehemalige Modellikonen reaktivieren. Jüngste Beispiele: Opel bringt den Manta als Elektroauto zurück, und Renault belebt die Modelle 4 und 5 elektrifiziert wieder.
Beide, sowohl Opel als auch Renault, kombinieren den E-Antrieb mit dem Retrocharme ehemaliger Kultfahrzeuge. »Retrodesign funktioniert deshalb so gut, weil es eben nicht allein Formen, Proportionen, Materialien und technische Lösungen sind, die da wirken. Retro aktiviert dazu noch Emotionen aus Erinnerungsvorräten der angepeilten potenziellen Kundschaft«, sagt Designprofessor Lutz Fügener von der Hochschule Pforzheim.
Die sonst oft kühlen Autobosse geben sich euphorisiert. Als »höchst emotional« pries der scheidende Opel-Chef Michael Lohscheller den neuen Manta. »Autos der Herzen« nannte Renault-Lenker Luca de Meo seine beiden Comeback-Modelle. In der Vergangenheit verkauften sich diese Fahrzeuge millionenfach, ehe sie von der Bildfläche verschwanden. Doch vielen Menschen sind sie immer noch sehr präsent, und der Gedanke an sie weckt oft warme Gefühle.
Nun sollen Manta und Co. erneut in Richtung Kultstatus fahren, diesmal mit elektrischem Antrieb. Angekündigt sind der neue Manta sowie die neuen Renault 4 und 5 für Mitte des Jahrzehnts. Solchen Plänen kommt entgegen, dass viele Hersteller auf eigene E-Plattformen setzen. Dieser technischen Basis lässt sich vergleichsweise simpel eine beliebige Form verpassen, zum Beispiel die eines Retromodells.
Die Industrie folgt hierbei einem altbekannten Marketingtrick: Anscheinend Unvereinbares wird vereint – E-Mobilität trifft auf historische Namen. Experten nennen das Wunderstruktur. »Werden bereits gelernte und bekannte Markennamen für ein neues Auto genutzt, sorgt das für Aufmerksamkeit«, sagt Oliver Errichiello, Professor für Markenmanagement an der Hochschule Mittweida. »Gleichzeitig baut sich in den Köpfen der Menschen automatisch eine Erwartungshaltung auf. Denn eine Marke ist letztlich ein positives Vorurteil.«
Die Fuchsschwanz- und Vokuhila-Assoziationen, die mit dem Namen Manta bis heute verbunden sind, nimmt Opel in Kauf. »Polarisierung führt zunächst einmal dazu, dass eine Marke wahrgenommen wird«, so Errichiello. In einer automobilen Welt, in der ständig neue Namen und Modelle auftauchen, ist das viel wert – wie das Beispiel Tesla zeigt.
Auch Fiat setzt auf eine Prise Nostalgie. Schon 2007 brachten die Italiener den Fiat 500 im Retrogewand auf den Markt. Seit dem vergangenen Jahr wird die Neuauflage des Wagens nur noch mit Elektroantrieb angeboten, lediglich das alte Modell wird noch mit Verbrennungsmotor produziert. Auch Newcomer setzen auf den Trend: Die Schweizer Firma Microlino zeigt auf der IAA in München Anfang September ein elektrifiziertes Wägelchen im Stile der BMW-Knutschkugel Isetta.
VW wiederum bedient sich in der eigenen Historie und orientiert sich beim elektrischen ID.Buzz am Stil des Volkswagen-Bullis T1, der von 1949 bis 1967 hergestellt wurde. Fans der Klassiker werden begeistert sein. Womöglich wecken die Retromobile auch bei E-Auto-Skeptikern positive Erinnerungen.
»Referenzen zur glücklichen Kindheit oder der unbeschwerten Jugendzeit und der Effekt, dass negative Emotionen schneller aus dem Gedächtnis gelöscht werden, lassen diese Designzitate meist in einem sehr guten Licht erscheinen und eventuelle Schwächen verzeihen«, sagt Designfachmann Fügener.
Retromodelle seien jedoch der falsche Weg, um das eigene Image in Richtung Nachhaltigkeit zu stärken, sagt Markenexperte Errichiello. »Um zu signalisieren, dass sie es mit der E-Mobilität ernst meinen, brauchen die Hersteller neu konzipierte, rein elektrische Schlüsselmodelle als Türöffner für einen neuen Markt.« Ähnlich sieht es auch Designexperte Fügener: »Im Idealfall ist eine neue technische Basis die Gelegenheit, auch die gestalterische Mode zu erneuern, um die technischen Innovationen nach außen zu kommunizieren.«
Was den Experten zufolge nicht funktioniert: einen wohlbekannten und emotional aufgeladenen Namen oder eine Marke einem völlig neuen Produkt überzustülpen. Auch dafür gibt es aktuelle Beispiele, etwa das Comeback der Marke MG. Die war für ihre sportlichen Roadster bekannt. Nun baut sie unter der neuen Führung des chinesischen SAIC-Konzerns Elektro-SUV. »Dort fehlen jegliche Anknüpfungspunkte zum eigentlichen Kern der Marke, das Logo wird einfach nur angeflanscht«, so Markenexperte Errichiello.
Eine Gratwanderung wagt Ford. Der elektrische Mustang Mach-E hat recht wenig mit dem als Kultauto verehrten Namensgeber der Sechziger- und Siebzigerjahre gemein. Offenbar testet der Hersteller die Grenzen des Retrotrends aber erfolgreich aus: Der Wagen verkaufte sich zuletzt vor allem in den USA ziemlich gut.
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Der Elektro-Van ID.Buzz von VW soll 2022 auf den Markt kommen und spielt mit Designzitaten, die an den VW-Bulli T1 (rechts im Hintergrund) erinnern. So soll das E-Mobil einen Emotionalitätskick erhalten.
Vom Renault 5 (l.) fertigte der französische Hersteller zwischen 1972 und 1996 rund neun Millionen Exemplare. Künftig soll ein neuer Renault 5 (r.), nun mit Elektroantrieb, für Emotionen und hohe Stückzahlen sorgen.
Der Renault 5 soll ab 2024 wieder gebaut werden. Zusammen mit dem dann ebenfalls reaktivierten Renault 4. Beides sind für Renault-Chef Luca de Meo »Autos der Herzen«.
Comeback der Knutschkugel: Dieser Kleinwagen der Schweizer Firma Microlino adaptiert das Design der BMW Isetta aus den Fünfzigerjahren. Auf der IAA in München soll der Stadtwagen Premiere feiern.
Auf historischen Spuren wandelt auch der VW ID.Buzz (l.). Der Elektrobus orientiert sich am Design des VW-Bullis. 2022 kommt der Neue auf den Markt.
Ein elektrischer Manta? Mit dem Opel Manta GSe ElektroMOD sorgte der Rüsselsheimer Autobauer vor Kurzem für Aufsehen. Opel prüfte daraufhin die Wiedereinführung des Modells.
Und tatsächlich: Der Manta-e soll Mitte des Jahrzehnts in Serie gehen. Zuletzt veröffentlichte Opel diese Designskizze.
Auch Ford hat bereits einen Kultwagen ins Elektrozeitalter überführt: den Mustang. Der Mustang Mach E hat mit dem Original allerdings nur noch den Namen gemein.
Der Elektro-SUV ZSEV ist eines der Modelle, das die ehemals für sportliche Autos bekannte Marke MG neuerdings vertreibt.
Im Gegensatz zu den Retromodellen Manta, Renault 5 und Microlino ist VWs ID.3 eher unauffällig gestaltet. Geschuldet ist das dem Streben nach mehr Reichweite – deshalb gibt es wenig Ecken und Kanten.
Der Reichweitenkönig unter den E-Autos (770 Kilometer) ist Daimlers Luxuslimousine EQS. Beim Design hebt er sich von der Konkurrenz jedoch nicht wirklich ab.
Vom Renault 5 (l.) fertigte der französische Hersteller zwischen 1972 und 1996 rund neun Millionen Exemplare. Künftig soll ein neuer Renault 5 (r.), nun mit Elektroantrieb, für Emotionen und hohe Stückzahlen sorgen.
Der Renault 5 soll ab 2024 wieder gebaut werden. Zusammen mit dem dann ebenfalls reaktivierten Renault 4. Beides sind für Renault-Chef Luca de Meo »Autos der Herzen«.
Comeback der Knutschkugel: Dieser Kleinwagen der Schweizer Firma Microlino adaptiert das Design der BMW Isetta aus den Fünfzigerjahren. Auf der IAA in München soll der Stadtwagen Premiere feiern.
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Ein elektrischer Manta? Mit dem Opel Manta GSe ElektroMOD sorgte der Rüsselsheimer Autobauer vor Kurzem für Aufsehen. Opel prüfte daraufhin die Wiedereinführung des Modells.
Und tatsächlich: Der Manta-e soll Mitte des Jahrzehnts in Serie gehen. Zuletzt veröffentlichte Opel diese Designskizze.
Auch Ford hat bereits einen Kultwagen ins Elektrozeitalter überführt: den Mustang. Der Mustang Mach E hat mit dem Original allerdings nur noch den Namen gemein.
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Im Gegensatz zu den Retromodellen Manta, Renault 5 und Microlino ist VWs ID.3 eher unauffällig gestaltet. Geschuldet ist das dem Streben nach mehr Reichweite – deshalb gibt es wenig Ecken und Kanten.
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